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ausstellung – stuttgart – EKSTASE – Kunstmuseum Stuttgart

ausstellung – stuttgart – EKSTASE – Kunstmuseum Stuttgart

Ausstellung: EKSTASE

Ort: Kunstmuseum Stuttgart

Laufzeit:  29. September 2018 – 24. Februar 2019

Webseite: Kunstmuseum Stuttgart

Bildergalerie: ohne Abbildungen

Das Thema scheint interessant – insbesondere der Aspekt der Ekstase als gesellschafftlicher Normverstoß – gerade in Zeiten wo alles zunehmend auf ´funktionieren´ und ´Effizienz´ zum Zwecke der Gewinn- bzw. Konsummaximierung ausgerichtet wird.

Und – da weiter unten auch davon zu lesen sein wird, noch ein Hinweis auf den Editorial ´la fée verte´  . . .

STSchwanitz

Text: Kunstmuseum Stuttgart / Unterstreichung STSchwanitz

Ekstasen sind so alt wie die Menschheit. Von jeher gehen Menschen bewusst über physische und mentale Grenzen hinaus, um in einen anderen Bereich der Wahrnehmung zu gelangen. Eben darin ist die Ekstase für Künstler_innen von ungebrochenem Interesse. Die Ausstellung EKSTASE spürt anhand von rund 230 Werken von der Antike bis in die Gegenwart dem Zustand des Außer-sich-Seins in seiner kunsthistorischen und der damit verbundenen kulturellen Bedeutungsgeschichte nach. Gezeigt werden verschiedene Facetten der Ekstase wie der dionysische Kult, die religiöse Verzückung, der brasilianische Candomblé, Schamanismus, Sport, Tanz- und Musikekstasen, Liebesekstasen, Jugendkultur oder die drogeninduzierte Ekstase.

Das Kunstmuseum Stuttgart geht der These nach, dass es sich bei der Sehnsucht nach bewusstseinserweiternden Erfahrungen um ein elementares menschliches Streben und damit um ein Phänomen der globalen Gesellschaft handelt. Über die Jahrhunderte unterliegen ekstatische Erlebnisse unterschiedlichen Definitionen und Bewertungen, zugleich lassen sich jedoch Verbindungen finden. Ekstase wird stets als ambivalentes Phänomen gedeutet, denn der Zustand des Außer-sich-Seins birgt neben dem überbordenden Glücksgefühl auch mit dem Kontrollverlust einhergehende Gefahren. Das aus der Norm fallende Individuum und das Kollektiv stellen in Gesellschaften, die durch kapitalistische Ideale wie Gewinnoptimierung, maximale Effizienz und konstantes Wachstum geprägt sind, eine Bedrohung dar.

Anhand internationaler Leihgaben wird erstmalig vor Augen geführt, weshalb es gerade die Künste sind, in denen ekstatische Erlebnisse verhandelt werden. Mittels der Kunst kann die Konfrontation mit dem Unbekannten, dem Unbenennbaren und Ungreifbaren nachempfunden und anschaulich gemacht werden. So zeigt sich, dass Kunst epochenübergreifend in der Lage ist, Wahrnehmung und Bewusstsein zu verändern und damit eine Annäherung an ekstatische Momente zu ermöglichen. Dabei wird Ekstase mit so unterschiedlichen Feldern wie Religion, Okkultismus, Inspiration, Körpererfahrung, Sexualität, Drogen oder Psychoanalyse in Verbindung gebracht und häufig mit dem kreativen Akt verschränkt.

Für den ekstatischen Bewusstseinszustand sind biochemische Prozesse grundlegend: Gehirnwellen werden angeregt und Endorphine ausgeschüttet. Ekstase wird körperlich induziert, bleibenden Eindruck hinterlassen jedoch die verspürten Gefühle. Hier treffen die Ausnahmezustände Rausch und Ekstase zusammen, denn bei beiden handelt es sich um radikale Verdichtungen von Emotionen, deren Empfinden maßgeblich von der Bereitwilligkeit des Einzelnen abhängt. Begrifflich werden Rausch und Ekstase sowohl im Allgemeinen als auch im wissenschaftlichen Diskurs selten differenziert, da sie im Erleben meist ineinander übergehen. Gerade in der lebensweltlichen Nutzung unterliegt der Ekstasebegriff einer definitorischen Unschärfe, in der Rausch, Trance und Ekstase in einem gemeinsamen Bedeutungsfeld aufgehen. Dieses bildet auch den Resonanzraum für die in EKSTASE versammelten Kunstwerke.

Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Ekstase von der Antike bis in die Gegenwart, indem sie unterschiedliche spirituelle, politische, psychologische, soziale, sexuelle und ästhetische Implikationen von Euphorie- und Rauschzuständen zwischen Askese und Exzess beleuchtet. Wir zeigen zudem exemplarisch den Umgang verschiedener Kulturkreise mit der Ekstase. Neben den sich verändernden Konnotationen sind auch Zeiten der Konjunktur des Ekstatischen auszu- machen. Die christliche Mystik in Mittelalter und Barock beschwört die Intensität des religiösen Erlebens, in der romantischen Schwärmerei blitzen Momente des Ekstatischen auf, um 1900 lässt sich im Kontext der umfassenden Nietzsche-Rezeption eine regelrechte Ekstasemode nachzeichnen, die Hippiebewegung setzte Bewusstseinserweiterung mit Freiheit gleich, und auch gegenwärtig ist das Streben nach Ekstasen unterschiedlichster Intensität und Ausrichtung deutlich spürbar. So gelten Ekstasen heute gemeinhin als Ausbruch aus dem normierten Alltag. In dieser Auslegung werden sie herbeigesehnt oder auch abgelehnt. Denn ekstatisches Erleben birgt die Gefahr eines aus der Norm fallenden Individuums oder gar Kollektivs. Nicht immer und nicht überall hat dieses Verständnis Bestand. Vielmehr ist die Ekstase eines der ältesten und erstaunlichsten anthropologisch universellen Phänomene, dessen Bewertung sich kontinuierlich verändert und erweitert.

Die Ausstellung EKSTASE gliedert sich in neun Themenräume. Im europäischen Kontext sind die künstlerischen Darstellungen des dionysischen Kultes und der christlichen Ekstase grundlegend für deren Bildtradition und kulturelles Verständnis. Das Motivfeld des Bacchantischen mit den tanzenden und erotisierten Mänaden bzw. Bacchantinnen sowie dem auf lauten Instrumenten musizierenden und vom Wein trunkenen Gefolge des Ekstasegottes Dionysos beschäftigt die Ikonografie über Jahrhunderte. In der christlichen Kunst ist die Unio mystica, also das Einswerden von Gott und Mensch, eines der häufigsten Motive und galt in Renaissance und Barock als Königsdisziplin. Während einer religiösen Ekstase wird entweder das Bewusstsein einer Person von einer höheren Kraft aus dem Körper herausgerissen oder aber die höhere Kraft dringt in das Bewusstsein einer Person ein und ergreift vollständig Besitz von ihr.

Zwischen den Themenräumen finden sich vielfältige Bezüge; so treffen die Besucher_innen im Raum der Liebesekstasen zum Beispiel auf konventionalisierte Darstellungsformen des orgastischen Erlebens, die in den ekstatischen Posen der Bacchantinnen ebenso gegenwärtig sind wie in den Visualisierungen göttlicher Verzückung von Heiligen oder Gläubigen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Themenfeld der Tanzekstasen: Die typische verrenkte Köperhaltung der bis zur Erschöpfung tanzenden Mänaden und der Zustand des Außer-sich-Seins kehren in den von den Künstler_innen gewählten Motiven zur Wiedergabe ekstatischer Tanzerlebnisse vom modernen Ausdruckstanz bis in die gegenwärtige Clubkultur zurück.

Auf außereuropäische Ekstasephänomene verweist der von dem brasilianischen Künstler und Candomblé-Gläubigen Ayrson Heráclito gestaltete Raum. Außerdem werden mit Werken, die auf Schamanismus und Santería Bezug nehmen, zwei weitere von zahlreichen Religionen und religiösen Praktiken, in denen ekstatische Erlebnisse von zentraler Bedeutung sind, in den Blick genommen.

Mit dem Begriff Ekstase wird unweigerlich der Konsum von Drogen assoziiert. Dies ist kulturhistorisch begründet, da in vielen rituellen Ekstasepraktiken das induzierte Rauschmittel der Erlebnissteigerung dient. Hinsichtlich der Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen greifen in der wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Bewertung zwei diametral entgegengesetzte Thesen. Zum einen die Warnung vor Drogen, da ihre unkontrollierte Nutzung den Konsumenten hemmungslos macht und nicht selten tötet. Demgegenüber steht die Meinung, dass Drogen das Denken befreien und die Chance eröffnen, fern von Konventionen und Normen gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. In dieser Auslegung ist der Drogenkonsum mit Blick auf den kreativen Schaffensprozess für viele Künstler_innen reizvoll, sei es in Form des Modegetränkes Absinth im 19. Jahrhundert, des geradezu verklärten Opium-, Haschisch- und Meskalinrauschs der Avantgarden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts oder durch die Einnahme psychedelischer Drogen seit den 1950er-Jahren. In den Kunstwerken schlägt sich die Ambivalenz drogeninduzierter Ekstasen deutlich nieder. Sie führen die bewusstseinserweiternde Wirkung ebenso vor Augen wie die destruktiven Konsequenzen.

Neben Drogen sind es insbesondere körperliche Verausgabungen und akustische Reize, die ein ekstatisches Erleben begünstigen. Alle drei Elemente spielen in Jugendkulturen eine wichtige Rolle und erklären im Zusammenspiel mit der Neugier, Unerschrockenheit und Impulsivität vieler Teenager, warum gerade diese Gruppen für ekstatische Erfahrungen offen und empfänglich sind. Das Außer- sich-Sein stellt für sie einen verheißungsvollen Zustand dar, denn er widersetzt sich dem gewöhnli- chen und von der Gesellschaft geforderten Agieren. Darin lässt sich eine Brücke zu den kollektiven Ekstasen des Sports schlagen. Entscheidend ist auch hier die Gelegenheit für das kontrollierte Selbst, einmal auszubrechen und sich im frenetischen Jubel der Masse gehen zu lassen.

Der zentralen Bedeutung der Musik für das ekstatische Erleben kommt die Ausstellung EKSTASE in mehrerer Hinsicht entgegen. Mit der Klang- und Lichtinstallation Dream House (1990) von La Monte Young und Marian Zazeela entsteht auf der gesamten dritten Ausstellungsetage des Kunstmuseum Stuttgart ein Erlebnisraum. Das Zusammenwirken von Licht, harmonischen, aber melodiefreien Klängen und der Bewegung im Raum ermöglicht den Besucher_innen eine ganzheitliche Erfahrung fernab alltäglicher Wahrnehmung.

Liste der Künstler, die mit Werken vertreten sind

Marina Abramović (RS *1946) Pablo Amaringo (PE 1943 – 2009) Eleanor Antin (US *1935) Jean Benner (FR 1836 – 1906) Charlotte Berend-Corinth (DE 1880 – 1967) Gian Lorenzo Bernini (IT 1598 – 1680) Joseph Beuys (DE 1921 – 1986) Antoine Bourdelle (FR 1861 – 1929) Louise Bourgeois (FR 1911 – 2010) Günter Brus (AT *1938) Bernardo Cavallino (IT 1616 – 1656) Larry Clark (US *1943) Lovis Corinth (DE 1858 – 1925) Giovanni Battista Crespi (IT 1572 – 1632) Salvador Dalí (ES 1904 – 1989) Rineke Dijkstra (NL *1959) Otto Dix (DE 1891 – 1969) Marlene Dumas (ZA *1953) Raymond Duncan (US 1874 – 1966) Hugo Erfurth (DE 1874 – 1948) Klaus Eschen (DE *1938) Nan Goldin (US *1953) Dan Graham (US *1942) Vivian Greven (DE *1985) Andreas Gursky (DE *1955) Ayrson Heráclito (BR *1968) Ferdinand Hodler (CH 1853 – 1918) Ludwig von Hofmann (DE 1861 – 1945) Carsten Höller (BE *1961) Christoph Keller (DE *1967) Ernst Ludwig Kirchner (DE 1880 – 1938) Paul Klee (CH 1879 – 1940) Joachim Koester (DK *1962) Gérard de Lairesse (NL 1640 – 1711) Wifredo Lam (CU 1902 – 1982) La Monte Young (CH *1935) Henri Laurens (FR 1885 – 1954) Charles LeBrun (FR 1619 – 1690) Mark Leckey (GB *1964) Gustav Machatý (CZ 1901 – 1963) Madame d’Ora (AT 1881 – 1963) Victor Magito (DE 1897/98 – 1926) Albert Maignan (FR 1845 – 1908) André Masson (FR 1896 – 1987) Henri Michaux (BE 1899 – 1984) Emil Nolde (DE 1867 – 1956) Jürgen Ovens (DE 1623 – 1678) Paul Pfeiffer (US *1966) Pablo Picasso (ES 1881 – 1973) Sigmar Polke (DE 1941 – 2010) Man Ray (US 1890 – 1976) Aura Rosenberg (US *1949) Gregor Rozanski (PL *1988) Charlotte Rudolph (DE 1896 – 1983) August Scherl (DE 1849 – 1946) Egon Schiele (AT 1890 – 1818) Algirdas Šeškus (LT *1945) Jeremy Shaw (CA *1977) Valdete Ribeiro da Silva (BR 1928 – 2014) Dash Snow (US 1981 – 2009) Luis Casanova Sorolla (PE *1984) Franz von Stuck (DE 1863 – 1928) Wolfgang Tillmans (DE *1968) Israhel van Meckenem (DE 1440/1445 – 1503) Moses van Uyttenbroeck (NL 1600 – 1646) Gustave Vanaise (BE 1854 – 1902) Andy Warhol (US 1928 – 1987) Hannah Wilke (US 1940 – 1993) Stanisław Ignacy Witkiewicz (PL 1885 – 1939) Marian Zazeela (US *1940) Francisco de Zurbarán (ES 1598 – 1664)